Vom Tropfen auf den heißen Stein

Durch: Leo Kaniok 6 Februar 2019

Die Entstehung eines Tropfens

Vor langer Zeit, bevor du geboren wurdest, hast du im ‚Ozean‘ gelebt, der deine Mutter war. Du wurdest vom Ozean getragen, du hattest keine Ahnung von der Schwerkraft, du bist in einer sicheren und liebevollen Umgebung getrieben. Du wurdest ohne Mühe gefüttert. Du musstest nicht einmal atmen, dieses System tritt erst nach deiner Geburt in Kraft. Du warst eins mit deiner Mutter. Das Bewusstsein war noch ozeanisch, rein und klar. Du warst völlig in diesem Bewusstsein verankert, du warst dieses Bewusstsein, denn es gab noch kein ‚Ich‘. Du bist immer noch dieses Bewusstsein, du bist immer noch in diesem Ozean, aber einige Dinge sind passiert, die dich dies vergessen ließen.

Alles beginnt mit dem Rückzug des Ozeans, die Membranen brechen und das Wasser fließt aus dem Ozean heraus. Die Schwerkraft wird zum ersten Mal wahrgenommen und der Druck auf den Körper steigt. Die Geburt beginnt, und plötzlich gibt es Schmerzen. Dort, in diesem Moment, in diesem Schmerz, entsteht dein Ich-Bewusstsein. ‚Ich bin‘ ist vielleicht der erste zerbrechliche Gedanke, der sich in dir bildet. Dieses Bewusstsein von ‚Ich bin‘ kommt zum Teil von Schmerzen, den Schmerzen in deinem Körper bei der Geburt. Dein erstes Ich-Bewusstsein hängt sich durch diesen Schmerz an deinen Körper. Später wird dies in den festen Glauben wachsen, dass du dein Körper bist.

Wenn du nach der Geburt auf der Brust deiner Mutter liegst, passieren zwei weitere drastische Dinge, die den Verlauf deines Lebens bestimmen:

  1. Du fühlst deine Mutter jetzt anders; zuerst warst du eins, jetzt bist du zwei. Dieses Gefühl der Trennung, kombiniert mit dem Schmerz der Geburt, erzeugt das erste Gefühl: Angst. Dein frisches Ich-Bewusstsein verbindet sich neben deinem Körper auch mit dieser Angst-Emotion. Dies wird sich später zu dem festen Glauben entwickeln, dass du deine Emotion bist.
  2. Deine Nabelschnur ist durchtrennt und die automatische Nahrungszufuhr verschwindet. Du musst jetzt etwas tun, um Essen zu bekommen. Am Anfang ist das Weinen und Lutschen, aber noch wichtiger: Dein Ich-Bewusstsein hängt sich an deine Emotion und auch an die Grundidee „Ich muss etwas tun, um zu überleben“. Dies wird später in den festen Glauben wachsen, dass du derjenige bist, der die Kontrolle über das Leben hat.

Diese Erfahrungen verdecken das ozeanische Bewusstsein, auch wenn es noch sehr zerbrechlich ist. Nicht nur bist du von deiner Mutter getrennt, sondern mit dem Aufkommen deines Ich-Bewusstseins scheinst du auch vom ozeanischen Bewusstsein getrennt zu sein. Auf diese Weise entsteht das Tröpfchen, das denkt, es sei vom Ozean getrennt. Wo man – bevor es tatsächlich ein ‚Du‘ gab – zweifellos im Urwesen verankert war, hat sich der Anker zum ersten Mal in einen anderen als diesen natürlichen, ursprünglichen Zustand verschoben. So werde ich dein Ich-Bewusstsein hier nennen, der erste Gedanke.

Ein neues ‚Ich bin‘ wird zur gleichen Zeit wie das Baby geboren. Dieses ‚Ich bin‘ wird zu dem werden, was wir oft als Ego bezeichnen. Ich nenne es gerne deine ‚Ich bin‘-Struktur. Dein Ich-Bewusstsein ist die Grundidee aller weiteren Annahmen, mit denen du dein Leben ausfüllst.

Das ‚Ich bin‘ entsteht im ozeanischen Bewusstsein, im Sein, in der ursprünglichen Leere. Der Tropfen steigt im Ozean, aber wie wir bereits gesehen haben, ist es nichts anderes als ein Gedanke, ein Gedanke, der im Ozean aufsteigt. Wenn der Tropfen ein Gedanke ist, dann ist auch das Gefühl der Trennung ein Gedanke.

Ich möchte dich zu einer anderen Metapher führen, die auf eine schöne Art zeigt, wie der Prozess des Wachsens zu einem vollständigen ‚Ich bin‘ funktioniert. Du hast wahrscheinlich schon einmal ein Spinnennetz gesehen. Die Bahn hängt in der Regel nur an vier Hauptdrähten. Diese Kopffäden tragen das Gewebe mit seinen immer kleineren Kreisen aus klebrigen Fäden. Deine ‚Ich bin‘-Struktur ist genau wie eine solche Spinnenwebe. Die Fäden sind Gedanken, die sich zu Annahmen entwickeln. Die Hauptfäden Ihres Netzes sind ebenfalls vier. Sie sind deine vier Grundideen:

  1. Der Hauptfaden, von dem das Ganze abhängt, ist der erste Gedanke und die Annahme: Ich bin es.
  2. Der zweite Faden ist der Gedanke/Annahme: Ich bin mein Körper.
  3. Der dritte Faden ist das Denken/Akzeptieren: Ich bin meine Emotionen.
  4. Der vierte Faden ist der Gedanke/Annahme: Ich habe die Kontrolle, das ‚Ich-muss-etwas-tun‘ Wissen

Zwischen diesen vier Hauptfäden webst Du im Laufe Deines Lebens die Struktur Deines eigenen ‚Ich bin‘-Netzes.

Für ein Baby ist diese Struktur, die ersten Fäden des Netzes, noch sehr fein. So fein, dass das ozeanische Bewusstsein noch leicht durch sie hindurchstrahlt. Das spürt man, deshalb lieben wir es, mit einem Baby zusammen zu sein. Neben den Eigenschaften süß und klein fangen wir auch etwas von diesem reinen Bewusstsein auf, aber wenn man aufmerksam ist, spürt man schon nach wenigen Monaten etwas von der Verdichtung der Struktur, von dem Gewebe, das seine ersten Fäden webt. Das ‚Ich bin‘ wird stärker und rückt mehr in den Vordergrund. Das Sein, das unendliche Bewusstsein, wird zunehmend durch das Netz verdeckt.

Und jetzt bist du älter, seit vielen Jahren nährst du die Idee deines ‚Ich bin‘ und es wird zu dem Menschen, der du bist. Zu einer soliden Struktur, einem großen Ego, sagen wir, mit all seinen Gewohnheiten, Ideen und Überlebensstrategien.

Das Netz, das du all die Jahre gewebt haben, ist zu einem soliden Netz mit vielen Gedankenfäden herangewachsen, an die du voll und ganz glaubst. Genau wie das Netz einer echten Spinne sind die Geistesfäden klebrig. Diese klebrigen Fäden halten dich fest, sie halten dein Ego an seinem Platz. Sie fesseln deine Aufmerksamkeit, nehmen dich mit und drehen endlose Kreise. Sie sind so klebrig, dass sie alles reparieren, sie fixieren zuerst dein Ich-Bewusstsein – Ich-Fixierung nennen wir das, auch Identifikation genannt. Nach einer Weile fängt man an, mehr und mehr zu glauben, dass man das Netz ist. Du identifizierst dich vollständig mit allem, was in deinem Netz passiert.

Zurück zum Ozean

Die Frage ist: Wie verbunden bist du? Wie eng ist dein Netz gewebt? Wie viel Licht des ursprünglichen ozeanischen Bewusstseins, das, was du wirklich bist, wird durchstrahlt? Kannst du dich daran erinnern, was es bedeutet, urzeitlich zu sein?

Irgendwo, tief in deinem Herzen, erkennst du wahrscheinlich etwas von diesem ursprünglichen Bewusstsein und weißt, dass das Netz nichts als ein Gedanke ist. Ein Gedankengewebe, in dem du dich mehr oder weniger stark verstrickt hast. Fast alle Gedanken, die dir einst in deinem Leben durch den Kopf gingen, sind jetzt verschwunden. Irgendwann wird auch der Gedanke an dein ‚Ich bin‘ Netz, das weiter gewachsen ist, wieder verschwinden. Wenn du stirbst, verschwindet auch diese Grundidee und das Netz fällt. Schließlich hängt es nur an ein paar Fäden.

So wie deine täglichen Gedanken hochkommen in…ja, was eigentlich? Im leeren Raum? Und wieder darin verschwinden, so ist auch dein ‚Ich-sein-Denken‘ einmal in diesem leeren Raum aufgetaucht. Es wird sich schließlich auch in diesem Raum auflösen. Gedanken haben keinen festen Boden, sie haben keine Wurzeln im Raum. Sie haben jedoch die Kraft oder besser gesagt die Fähigkeit, sich an die Dinge zu binden. Zuerst an deinen Körper, dann an deinen Emotionen und Handlungen und später auch an den Dingen. ‚Ich‘ ist, neben Mama und Papa, oft das zweite Wort, das wir lernen. Dieses ‚Ich‘ bleibt unser ganzes Leben lang, alles und jeder ist mit ihm verwoben. So nimmt das Netz Gestalt an. Gedanken werden zu Annahmen, Annahmen zu Überzeugungen und zusammen bilden sie die klebrigen Fäden deines ‚Ich-bin‘ Netzes.

Wenn du das Netz sehen kannst, das zu deiner ‚Ich bin‘-Struktur mit all seinen Tendenzen und Gewohnheiten für das geworden ist, was es ist, nämlich nicht mehr als nur ein Gedanke, dann beginnen sich die Fäden ein wenig zu lösen und einige lassen vielleicht ganz los. Schweigen ist ein mächtiges Lösungsmittel. Atmen ist eine starke Medizin. Meditation ist eine starke Medizin und zwar die richtige.

Heutzutage gibt es viele Meditationstechniken, Programme, Kurse und Workshops, in denen man lernt, an sich selbst zu arbeiten, um eine bessere Version von sich selbst zu werden. Die Frage ist jedoch: Welche? Das Selbst, das du in den letzten Jahren aufgebaut hast und das zu deiner Selbststruktur geworden ist? Oder das Selbst, das du vor deiner Geburt warst, das ursprüngliche Bewusstsein, der Ozean? Die Antwort ist ganz einfach: Investiere nicht zu viel in die erste Variante, sie stärkt nur ihr Netz. Erinnere Dich; es ist ein Gedanke, eine Illusion die sich immer verändert und schließlich einfach verschwindet wie alle anderen Gedanken.

Die Arbeit an der zweiten Variante, deinem wahren Selbst, ist jedoch ein noch größerer Witz. Dieses Selbst braucht dies wirklich nicht! Was könntest du denn noch am ursprünglichen Bewusstsein verbessern?

Was könnte der Tropfen noch zum Ozean beitragen?

Genau…nur sich selbst.

So wie sich der Tropfen im Ozean auflöst, aus dem er einst stammt, so löst sich auch unser Gedankengewebe in dem Bewusstsein auf, für das er einst stand. Es gibt also nicht wirklich viel, was man tun kann. Das Loslassen eines Gedanken hat mehr mit Hingabe zu tun, indem man seine Bindung an diesen Gedanken aufgibt.

Das ist es, was du möglicherweise ‚tun‘ könntest:

– Mache dein Netz etwas dünner, etwas offener und transparenter, damit mehr Licht, Liebe und Stille durch es hindurchstrahlen kann.

– Mache die Fäden weniger klebrig, indem du übst, aufmerksam zu sein.

– Verlagere den Schwerpunkt von allen Bewegungen deines Denkens auf dein Herz, das Zentrum deines Seins.

– Vielleicht hier und dort einen Faden durchschneiden.

Inspirierend? Teilen...

TOLLE

Bücher & Karten

Weltinnenraum ist ein Online Shop mit Büchern, Geschichtenkarten, Meditationskarten und Geschenken.

Prioritäten setzen

Durch: Leo Kaniok 8 Juli 2015

Weiter lesen...