Ende oder Anfang

Durch: Leo Kaniok 26 Mai 2017

Es war einmal ein Vater, der zusammen mit seinem kleinen Sohn in ein fernes Land reiste. Unterwegs mussten sie einen hohen Berg überqueren, und kurz vor dem Gipfel übernachteten die beiden in einer Hütte. Bei Tagesanbruch vertrieb die Sonne langsam die Dunkelheit und tauchte mit ihren wärmenden Strahlen die schneebedeckte Bergspitze in ein flammendes Rot. Als der Junge erwachte, sah er durch das Fenster den erglühten Himmel und die flammend rote Bergspitze. Da er noch klein war, konnte der Junge jedoch nur durch den untersten Teil des Fensters sehen. Er wusste nicht, was das rote Glühen dort draußen zu bedeuten hatte, und es machte ihm Angst. Er spürte ein starkes Verlangen nach der Geborgenheit und Sicherheit seines Elternhauses und wünschte, er wäre nie mit seinem Vater von dort weggegangen. Die aufgehende Sonne erwärmte den Schnee, so dass dieser sich von der Bergwand löste und in einer donnernden Lawine ins Tal stürzte. Das schreckliche Tosen flößte dem Jungen noch mehr Angst ein als der in Flammen stehende Himmel. Er ging zu seinem Vater, rüttelte wild an ihm, um ihn zu wecken, und rief: „Papa, Papa! Wach auf, wach auf! Die Welt geht unter!“ Der Vater öffnete seine Augen und setzte sich auf. Durch den oberen Teil des Fensters, das für seinen Sohn zum Hindurchsehen noch zu hoch war, konnte er alles deutlich erkennen. Er nahm die Hand des Jungen und sagte beruhigend zu ihm: „Nein, mein Junge, dies ist nicht das Ende der Welt. Dies ist der Anfang eines neuen Tages!“

Es ist hinlänglich bekannt, dass wir nur einen ganz kleinen Teil der Wirklichkeit erkennen. Aber was fangen wir mit diesem Wissen an und wie gehen wir damit um? Bleibt es nur Theorie oder wird es tatsächlich zu einer Erkenntnis und Einsicht? Das Wenige, das wir sehen, verändert sich in unserem Gehirn blitzschnell in eine feststehende Tatsache, eine Meinung, ein Urteil oder eine Überzeugung. Stell Dir einmal vor, wir könnten von allen existierenden Farben nur die Farbe Rot sehen. Dann wäre die ganze Welt rot und wir selbst auch, davon sind wir dann fest überzeugt. Dass auch noch andere Farben zur Farbpalette gehören, ist uns nicht bewusst, denn wir kennen sie nicht. Ganz zu schweigen von den Variationen von Rot, von Pink, Rosa oder Violett.

Das Spektrum der ‚gesamten‘ Wirklichkeit kann nicht definiert oder gemessen werden. Wir sehen immer nur Bruchstücke, und aus diesen bilden wir uns dann unsere Meinungen und Überzeugungen. Ich hörte einmal jemanden sagen: „Es ist in Ordnung, wenn Du eine eigene Meinung hast, solange Du diese nicht zur absoluten Wahrheit erklärst.“ Aber genau das tun wir meistens. Wie viele Streits, Konflikte und Kriege entstehen durch unterschiedliche Überzeugungen! Das Wenige, das wir sehen können, nennen wir unsere ‚Wahrheit‘.
Wenn wir unsere Nase an etwas platt drücken, wird unser Blickfeld eingeschränkt. Wenn wir von etwas Abstand nehmen, sehen wir mehr. Von einem Helikopter aus sehen wir einen viel größeren Teil der Landschaft, der ‚Wirklichkeit‘. Denn dann kommt es zu einer Verschiebung, einer Veränderung in unseren Überzeugungen. Und damit entsteht auch die Einsicht, dass alle Ansichten und Überzeugungen immer nur relativ sind.

Eine besondere Bedeutung erhält diese Geschichte durch die Überzeugung des Jungen, dass das Ende der Welt nahe ist. Eine Überzeugung, die viele Menschen in Bezug auf das Jahr 2012 hatten. Eine Überzeugung, die Angst mit sich brachte. Die aufgehende Sonne verursacht Lawinen und färbt den Himmel und die Erde rot. Das kann tatsächlich Angst machen. Aber wer durch das GESAMTE Fenster blicken kann, der weiß, dass es der Anfang eines neuen Tages ist. Durch einen weiteren Blick und ein größeres Blickfeld verwandelt sich die Angst in ein stilles und erweitertes Wissen.

 

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