Die große Stille

Durch: Leo Kaniok 25 August 2015

„Könnten Sie mich die Stille lehren?“, fragte ich. „Ah!“, antwortete der Meister.
Er schien eingenommen. „Ist es die große Stille, die Du finden möchtest?“
„Ja, die große Stille.“
„Nun ja, wo denkst Du denn, dass Du sie finden kannst?“, fragte er.
„Ganz tief in meinem Inneren, nehme ich an. Wenn ich ganz tief in mich gehen könnte, bin ich mir sicher, dass ich dem Lärm und den Geräuschen endlich entfliehen könnte. Aber es ist nicht so einfach. Könnten Sie mir helfen?“
Ich wusste, dass er mir helfen würde, konnte ich doch seine Aufmerksamkeit fühlen, und sein Geist war ganz ruhig.
„Nun ja, ich bin dort tatsächlich gewesen“, antwortete er, „sogar jahrelang hab ich dort drinnen verweilt. Ich fühlte die Stille da drinnen. Aber eines Tages hörte ich eine Stimme, die zu mir sagte: „Komm, folge mir.“ Also trat ich aus der Stille heraus und bin nie mehr dorthin zurückgekehrt.“
Ich war verblüfft. „Aber die Stille…“
„Ich habe die große Stille gefunden und habe entdeckt, dass die Geräusche und der Lärm sich in mir selbst befanden.“

 

In der Stille gibt es kein Innen und Außen. Stille ist. Und Ist-Heit kennt keine Gegensätze, genauso wie Einheit.
Einheit oder Ist-Heit kennt kein Vorne oder Hinten, Unten oder Oben. Es ist vergleichbar mit dem universellen Raum: unendlich, grenzenlos, kein Links oder Rechts, kein Oben oder Unten, kein Anfang und kein Ende. Es ist.
Alles ist im Prinzip still. Das Universum ist still, und die Erde dreht sich in Stille um die Sonne.
Wann macht etwas Geräusche? Was ist Geräusch eigentlich?
Im Wörterbuch steht: „schwingende Bewegung der Luft, die vom Gehörgang wahrgenommen wird.“
Die schwingende Bewegung der Luft entsteht durch Reibung, wenn zwei Dinge einander berühren oder miteinander kollidieren. Schwingung entsteht durch Bewegung, ist Bewegung. Aber sie wird erst dann zu einem Geräusch, wenn sie mit Deinem Trommelfell in Berührung kommt und Dein Ohr und Dein Gehirn erreicht.
Die Frage ist, ob ein fallender Baum auch dann ein Geräusch verursacht, wenn niemand in der Nähe ist. Wir werden das niemals feststellen können, denn um es festzustellen, müssten wir in der Nähe sein. Es stellt sich also die irritierende Frage: Gibt es Geräusche überhaupt? Oder existieren Geräusche nur dann, wenn ein bewusster, sensorischer Organismus vorhanden ist, der die Schwingungen auffängt?
Vielleicht sind die Schwingungen ja nur dann vorhanden, wenn Du da bist. Sie entstehen im Wesentlichen in Dir selbst. Aus diesem Grund sagt der Meister: „… die Geräusche befanden sich in mir selbst.“
Aber sobald Schwingungen in Dein Ohr dringen, geschieht noch etwas anderes. Es spielt sich etwas in Deinem Gehirn ab.

Eine kleine Probe aufs Exempel:

Wenn Du jetzt aufmerksam hinhörst, was hörst Du dann alles? Wahrscheinlich lautet Deine Antwort: ein Auto, eine Waschmaschine, eine Tür usw. Aber höre dann noch einmal gut hin. Was hörst Du? Du hörst doch nicht wirklich eine Waschmaschine oder ein Auto! In Wirklichkeit hörst Du ein summendes Geräusch, ein Pfeifen, ein Brummen, ein Knirschen. Unser Gehirn verbindet jedes Geräusch mit einem Konzept, einem Bild.
Aus diesem Grund nennt der Meister es auch „Lärm“. Die Geräusche, die Bilder und Konzepte – das alles findet den lieben langen Tag in unserem Inneren statt. Auch in der Nacht scheint es nicht aufzuhören.
Geräusche entstehen in Stille und können nur dann gehört werden, wenn auch ein Bewusstsein vorhanden ist, das sie auffängt.

Eine Stille IST, raumlos, zeitlos.

Die Sprache der Stille

Als der weise Meister einmal mit wohltönender Stimme einige Verse in der Alt-Indischen Sprache Sanskrit rezitierte, sagte ein Lehrling, der gebannt der Stimme des Meisters lauschte:
„Ich wusste schon immer, dass es keine andere Sprache auf der Welt gibt, die göttliche Dinge so vollkommen ausdrücken kann, wie das Sanskrit.“
„Rede nicht so töricht“, sagte der Meister, „die Sprache des Göttlichen ist nicht das Sanskrit, sondern die Stille.“

Wenn Stille die Sprache von Gott ist, dann sagt uns die Geschichte eigentlich, dass Stille die Schwingung von Gott ist, denn Sprache ist Schwingung.
In dieser Schwingung kommt alles auf und verschwindet wieder. Was bleibt, das ist die stille Ur-Vibration.
Wenn Du nun Stille bist, ist Dein wahres Wesen oder Deine wahre Natur die göttliche Ur-Vibration.
Und die Person, die Du denkst zu sein, und das Ego, das Du denkst zu haben, was ist damit?
Diese sind nur vorübergehende Erscheinungen, ähnlich wie die Wellen, die im Meer entstehen und wieder verschwinden. Eine vorübergehende Erscheinung ist aber nicht das, was Du wirklich bist, obwohl Du Wert auf diese vorübergehende Erscheinung legst.
Was Du wirklich bist, das ist unveränderlich. Es ist das, worin alles, auch Du als Person und Ego, entsteht und wieder verschwindet – der unendliche Ozean der schöpferischen Stille.

Wer bist Du?

Eine Stimme fragte: „Wer bist Du?“
„Ich bin Els“, antwortete die Frau.
„Ich frage Dich nicht, wie Du heißt, ich frage: wer bist Du?“
„Ich bin die Frau des Bürgermeisters“, gab sie als Antwort.
„Ich habe nicht gefragt, wessen Gattin Du bist, sondern wer Du bist.“
„Ich bin die Mutter von vier Kindern.“
„Ich habe nicht gefragt, wessen Mutter Du bist, sondern wer Du bist.“
„Ich bin Lehrerin.“
„Ich habe nicht nach Deinem Beruf gefragt, sondern wer Du bist.“
„Ich bin Christin.“
„Ich habe nicht gefragt, welchen Glauben Du hast, ich habe gefragt, wer Du bist.“
„Ich bin diejenige, die jeden Tag in die Kirche gegangen ist und den armen und weniger bemittelten Menschen geholfen hat.“
„Ich habe nicht gefragt, was Du getan hast, ich frage: Wer bist Du?“
Nun hatte die Frau tatsächlich keine Antwort mehr; es fiel ihr nichts mehr ein.
Ihr Geist war zu leer. Es herrschte nur noch Stille.
Und auf einmal, in dieser Stille, wusste Sie aus tiefstem Herzen: Ich bin!
Dann flüsterte die Stimme: „Ja, das bist Du!“

Stille ist das, was Du bist.

Wenn Geräusche in Stille entstehen, worin entstehen dann die Dinge, die die Geräusche verursachen? Vielleicht auch in Stille?
Geräusch kommt und geht in Wellenbewegungen, was bleibt, ist die Stille. Entstehen die Dinge, die Geräusche verursachen, auch in Stille und verschwinden sie wieder in ihr?
Die heutige Naturkunde lehrt uns, dass Dinge eine Mischung aus Energieschwingungen, Vibrationen und Wellen sind. Wellen erscheinen aus Stille und verschwinden in Stille, wie die Wellen im Meer entstehen und in ihm wieder verschwinden. Wenn aber Geräusche erst dann entstehen, wenn Du da bist, entstehen dann die Dinge, die Geräusche verursachen, auch erst dann, wenn Du da bist? Oder bist Du auch ein „Ding“, das aus Stille entsteht?
Oder bist Du im Wesentlichen die Stille selbst?

Alles entsteht in Stille, ohne diese zu stören.

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