Das Ego

Durch: Aus dem Sufismus 4 Juli 2017

Der Geiger
Ein weltberühmter Geiger sagte einmal nach einer erfolgreichen Aufführung des Violinkonzerts von Beethoven: „Ich habe eine prächtige Partitur, eine wunderbare Geige und einen sehr guten Bogen. Wenn ich diese drei zusammenbringe, brauche ich nur noch zur Seite zu treten.“


Das ‚Ich‘ scheint eher ein Hindernis zu sein als ein wertvoller Beitrag. Wenn das ‚Ich‘ einen Schritt zur Seite tritt, was bleibt dann noch übrig? Das ‚Ich‘ wird oft mit dem Denken gleichgesetzt. Es gibt eine schöne Tierparabel, die dafür ein prächtiges Bild ist.


Der Frosch und der Tausendfüßler

Ein Tausendfüßler war unterwegs auf seinen tausend Füßen. Eines Tages begegnete er einem Frosch. Der Frosch, der ein Philosoph war, beobachtete ihn eine Weile und machte sich Sorgen. Es war schon schwierig, auf vier Füßen zu gehen, doch dieser Tausendfüßler lief sogar auf tausend Füßen. Das war ein Wunder! Wie entschied der Tausendfüßler, welchen Fuß er zuerst versetzen musste und welchen dann und welchen danach? Also brachte der Frosch den Tausendfüßler zum Stehen und stellte ihm die Frage: „Du stellst mich vor ein Rätsel. Es gibt da ein Problem, das ich nicht lösen kann. Wie läufst du? Wie kriegst du das hin? Es scheint ein Ding der Unmöglichkeit!“
Der Tausendfüßler antwortete etwas erstaunt: „Ah, ich laufe schon mein ganzes Leben lang, aber ich habe eigentlich noch nie darüber nachgedacht. Nun, da du mich fragst, werde ich mal darüber nachdenken und dir dann antworten.“
Zum ersten Mal entstanden Gedanken im Bewusstsein des Tausendfüßlers. Und ja, der Frosch hatte Recht – welchen Fuß musste er zuerst versetzen? Der Tausendfüßler stand ein paar Minuten da, er konnte keinen Fuß mehr rühren. Er schwankte und fiel um.
Und er sagte zu dem Frosch: „Stelle diese Frage bitte nie wieder. Ich laufe schon mein ganzes Leben lang herum und hatte nie Probleme damit, doch nun hast du mein Todesurteil unterzeichnet! Ich kann keinen einzigen Fuß mehr versetzen und wie soll das dann erst mit wohl tausend Füssen gehen?“


Wenn sich das Denken mit dem Leben bemüht, wird oft Chaos daraus. Um Weisheit zu erlangen, ist das Nachdenken sogar völlig unbrauchbar. Wie kann das Denksystem, das für das Zustandekommen unserer Probleme verantwortlich ist, auch gleichzeitig deren Lösung bieten? Weisheit befindet sich auf einem anderen Niveau als unser Denken. Vielleicht kann man sagen: Denken ist der Kopf, Weisheit ist das Bewusstsein des Herzens.
Das ‚Ich‘ wird oft Ego genannt und als solches angesehen. Taoisten nennen das, was übrig bleibt, wenn das ‚Ich‘ wegfällt, einfach ES. Sie nennen es nicht ‚Er‘, sie nennen es nicht ‚Sie‘, sie nennen es auch nicht Gott. Sie geben ihm keinen einzigen persönlichen Namen, sie sagen einfach ES. ES ist nicht persönlich, ES ist der Name des Ganzen: TAO bedeutet ES.

Es gibt einen schöne Geschichte von einem Schüler von Lao Tse, die von der Suche nach dem ES erzählt. Der Schüler von Lao Tse erreichte ES erst, als sein Ego verschwunden war.


ES erreichen

Ein Schüler von Lao Tse sprach: „Meister, ich habe ES erreicht.“ Lao Tse sagte: „Wenn du behauptest, dass du ES erreicht hast, steht fest, dass du ES nicht erreicht hast.“ Der Schüler wartete ein paar Monate und sagte eines Tages: „Sie hatten recht, Meister. ES hat ES nun erreicht.“ Lao Tse schaute ihn mit viel Mitgefühl und Liebe an, streichelte ihm über den Kopf und sagte: „Nun stimmt es. Erzähl mir, was passiert ist. Ich würde es jetzt gerne hören.“

Der Schüler antwortete: „Bis zu dem Tag, an dem Sie sagten: ‚Wenn du behauptest, dass du ES erreicht hast, steht fest, dass du ES nicht erreicht hast‘, war für mich alles eine Anstrengung. Ich tat alles, was ich konnte, ich gab mein aller Bestes. An dem Tag, an dem Sie sagten: ‚Wenn du behauptest, dass du ES erreicht hast, steht fest, dass du ES nicht erreicht hast‘, traf es mich auf einmal. Wie konnte ‚Ich‘ ES erreichen? Wo das ‚Ich‘ doch das Hindernis ist, da musste ich Ihnen wohl recht geben.“

„ES hat ES erreicht,“ sagte er, „und es kam erst an, als ich nicht mehr da war.“ Lao Tse sprach: „Erkläre den anderen Schülern, unter welchen Umständen das geschehen ist.“ Da antwortete er: „Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass ich nicht richtig oder falsch war, ich war kein Sünder und kein Heiliger, ich war nicht dieses oder jenes, ich war nicht jemand Besonderes als ES kam. Ich war nur etwas Passives, etwas erstaunlich Passives, einfach eine Tür, eine Öffnung. Ich hatte ES auch nicht eingeladen, denn selbst die Einladung wäre mit meiner Unterschrift versandt worden. Ich hatte ES tatsächlich völlig vergessen. Ich saß einfach da. Ich war nicht mal auf der Suche, ich suchte nichts, ich erkundigte mich nach nichts. Ich war nicht da und plötzlich wurde ich davon überflutet.“


Die folgende Geschichte berichtet im Grunde auch über das Erreichen eines Ego-losen Zustandes, nur wird es hier aus einer anderen Perspektive betrachtet. Es geht um die denkbar größte Kunst.

Kämpfen ohne Ego

Es war einmal ein berühmter Kalif genannt Omar. Er kämpfte schon dreißig Jahre mit seinem Gegner. Der Gegner war stark und dadurch war es beinahe ein lebenslanger Kampf. Eines Tages jedoch fiel der Gegner vom Pferd und Omar sprang mit dem Speer in der Hand auf seine Brust. Innerhalb weniger Sekunden hätte sein Speer das Herz des Mannes durchbohren können und damit wäre der Kampf ein für alle Mal beendet gewesen. Doch in dem kurzen Augenblick, in dem er auf dem Boden lag, tat der Gegner nur eines: er spuckte Omar ins Angesicht. Überrascht griff Omar sich ins Gesicht, und sagte: „Morgen beginnen wir aufs Neue.“
Sein Feind war verwirrt und rief: „Wieso? Was ist los mit dir? Ich habe dreißig Jahre hierauf gewartet und du auch. Ich hatte gehofft, dass ich eines schönen Tages mit meinem Speer in der Hand auf deiner Brust sitzen würde und es dann vorbei wäre. Ich habe diese Chance nie bekommen, du aber wohl. Du hättest mich mit einem Schlag erledigen können. Warum hast du es nicht getan?“
Omar antwortete: „Dies ist kein gewöhnlicher Kampf. Ich habe ein Gelöbnis abgelegt, dass ich kämpfen werde, ohne mich zu erzürnen. Dreißig Jahre lang habe ich ohne Zorn gekämpft. Doch als du mich bespuckt hast, entflammte in mir Wut und es wurde zu etwas Persönlichem. Ich wollte dich töten, plötzlich übernahm das Ego in mir das Steuer. Bis jetzt hatte ich dreißig Jahre damit keine Probleme, wir kämpften mit einem bestimmten Ziel. Du warst nicht mein Feind, es war nicht persönlich. Ich wollte mein Ziel erreichen und das Ziel war nicht, dich zu töten, sondern mich selbst zu überwinden. Doch soeben vergaß ich das Ziel, du wurdest mein Feind und ich wollte dich umbringen. Darum kann ich dich jetzt nicht töten. Morgen beginnen wir aufs Neue.“ Doch der Kampf begann nie wieder von Neuem, denn sein Feind wurde sein Freund. Und der Freund bat Omar: „Nun will ich gerne von dir lernen. Sei mein Meister und lass mich dein Schüler sein. Ich möchte lernen, zu kämpfen ohne mich zu erzürnen.“


Kämpfen ohne das Ego ist eine große Kunst, denn Kämpfen fordert das Ego im höchsten Maße heraus. Wenn du das kannst, dann kannst du alles ohne dein Ego.

Eine andere schöne Geschichte über das Ego ist die von dem Kaiser, der Bodhidharma besuchte mit einer dringenden Frage.

Das Ego

„Ich habe eine Menge Unruhe im Inneren. Ich bin sehr ehrgeizig. Obwohl ich eines der größten Kaiserreiche der Welt besitze, fühlt sich mein Ego noch stets unzufrieden“, sagte der Kaiser.
Bodhidharma lachte und sagte: „Sie sind zur richtigen Person gekommen. Sie brauchen nur eine Sache zu tun: kommen Sie am frühen Morgen zu mir, um vier Uhr. Und vergessen Sie nicht, Ihr Ego mitzunehmen. Wenn Sie es nicht mitbringen, kann ich nichts tun.“
Der Kaiser war verwirrt und fragte: „Was meinen Sie?“
Bodhidharma sagte: „Genau das, was ich sage, meine ich auch. Bringen Sie Ihr Ego mit und ich werde ihm ein sicheres Ende bereiten.“

Der Kaiser konnte an diesem Abend nicht schlafen. Er versuchte, alles aus seinem Kopf zu verdrängen um nicht hinzugehen, doch er war auch neugierig auf diesen besonderen Mann. Er war vielen weisen Männern und großen Heiligen begegnet, aber niemals hatte jemand gesagt: „Bringe dein Ego mit und ich werde ihm ein sicheres Ende bereiten.“
Schließlich entschied er sich, trotzdem hinzugehen. Und Bodhidharma saß schon bereit auf dem Fußboden. Der Kaiser näherte sich ihm zitternd. Bodhidharma fragte: „Allein? Wo ist Ihr Ego?“
Der Kaiser antwortete: „Es ist nicht etwas, was ich mitbringen kann. Es ist immer in mir.“
Bodhidharma sagte: „Dann ist es gut. Setzen Sie sich, schließen Sie Ihre Augen und versuchen Sie herauszufinden, wo es sich versteckt hält. In dem Moment, wo Sie es zu fassen kriegen, sagen Sie mir Bescheid.“
Zitternd saß der Kaiser allein in dem kleinen Tempel außerhalb der Stadt und zum ersten Mal in seinem Leben schloss er die Augen, um zu meditieren. Er sah sich in sich selbst um: wo ist das Ego? Eine Stunde verging und noch eine weitere Stunde. Die Sonne ging auf und der Kaiser saß da in einem Zustand der Glückseligkeit. Bodhidharma rüttelte ihn auf und sprach: „Nun ist es genug – zwei Stunden! Wo ist es?“
Und der Kaiser fing an zu lachen. Er senkte seinen Kopf, berührte Bodhidharma’s Füße und sagte: „Ich kann es nicht finden.“
Bodhidharma lachte und sagte: „Sehen Sie wohl! Ich habe ihm ein sicheres Ende bereitet. Falls Sie je wieder einmal dieses seltsame Bedrängnis von Ihrem Ego haben, fragen Sie dann nicht andere, wie Sie es loswerden können, sondern schließen Sie Ihre Augen und versuchen Sie herauszufinden, wo es steckt.“

Inspirierend? Teilen...

TOLLE

Bücher & Karten

Weltinnenraum ist ein Online Shop mit Büchern, Geschichtenkarten, Meditationskarten und Geschenken.

Der Meister und der Bauer

Durch: Aus der ganzen Welt 26 Mai 2017

Weiter lesen...