Authentizität

Durch: Leo Kaniok 8 Juli 2015

Der deplatzierte Adler

Ein Bauer fing einmal einen jungen Adler. Zuhause angekommen setzte er ihn zu seinen Hühnern und gab ihm Hühnerfutter zu essen. Fünf Jahre später kam ein Naturforscher bei ihm zu Besuch. Während sie durch den Garten liefen, sagte er: „Dieser Vogel ist ein Adler, kein Huhn.“
„Ja“, sagte der Eigentümer, „aber ich habe ein Huhn aus ihm gemacht. Es ist nun kein Adler mehr.“
„Es ist doch ein Adler“, sagte der Naturfreund, „das werde ich dir zeigen.“
Der Naturforscher hob den Adler auf, hielt ihn hoch und sagte mit Nachdruck: „Adler, du bist ein Adler. Du gehörst in die Luft und nicht auf die Erde, spann deine Flügel aus und fliege!“
Doch als der Adler sah, wie die Hühner ihr Futter aufpickten, sprang er nach unten.
Der Besitzer sagte: „Ich habe dir doch bereits gesagt, dass er jetzt ein Huhn ist.“
„Nein,“ sagte der Naturforscher, “es ist ein Adler und das werde ich beweisen.“
Am nächsten Morgen nahm er den Adler mit auf das Dach des Hauses und sagte: „Adler, du bist ein Adler, spreiz deine Flügel und fliege!“
Doch wieder sprang der Adler, als er die Hühner picken sah, nach unten und begann, mit ihnen zusammen zu essen.

Der Besitzer sagte: “Ich habe dir doch gesagt, dass er ein Huhn ist.“
„Nein, er ist ein Adler! Er hat noch immer das Herz von einem Adler. Gib ihm noch eine Chance.”
Am folgenden Morgen nahm er den Adler mit auf einen hohen Berg. Dort hob er den Adler hoch und sagte zu ihm: „Adler, du bist ein Adler, du gehörst in die Luft, spreiz deine Flügel und fliege!“
Auf einmal spannte der Adler seine Flügel aus und mit einem befreiten Schrei stieg er auf, immer höher und höher und kehrte nie wieder zurück.

Mögliche Themen:
• Authentizität: Ein Mensch ist, wer er ist, doch er verleugnet das oft, ohne dass es ihm bewusst ist.
• Solange ein Mensch nicht zeigt, wer er in seinem Wesen ist, wird die Welt um ihn herum auch auf diese Weise auf ihn reagieren („Wenn man tut, was man immer tat, bekommt man, was man immer bekam“).
• Abstand nehmen und Zeit für Besinnung: Manchmal ist jemand anderes (mit mehr Abstand zur Situation) nötig, um dir dabei zu helfen wieder klar sehen zu können, wer du eigentlich selbst bist.
• Manchmal ist „der freie Fall“ notwendig oder das Verlassen der gewohnten Umgebung, um wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, wer du im Wesen bist.
• Und doch, wenn es um Authentizität geht: „Hühner“ sind nicht mehr oder weniger als „Adler“.

Anwendunsgbeispiele:
In Bezug auf Arbeit:

• Wenn du als Manager oder Teamleiter Einblicke hast in die individuellen Qualitäten deines Teams, dann kannst du diese auch gezielt zugunsten des Unternehmens einsetzten. Die sogenannte „Servant Leadership“ steht als Garant für motivierte Mitarbeiter, die Raum haben für Wachstum und Entwicklung. Dies steht im Gegensatz zu dem Besitzer, der den Adler in die Rolle eines Huhns pressen will.
• Als Mitarbeiter kannst du den Mut haben, dich individuell von anderen zu unterscheiden, indem du deine Individualität und deine persönlichen Qualitäten in den Dienst des großen Ganzen stellst. Dann wirst du Erfüllung und Wachstum erfahren in der Arbeit, die du ausführst.

Beziehungen, Zusammenleben, Zusammenarbeiten:
• Es wird deutlich, wie wichtig es ist, sich so zu zeigen, wie man wirklich ist; anstatt der Welt die Schuld daran zu geben, dass du deine Qualitäten nicht entwickeln kannst und deine Wünsche nicht erfüllt werden.
• Man kann erkennen, wie oft man sich anpasst an andere. Und ob es im gesunden Verhältnis steht zu dem Maß, in dem man anderen zeigt, wer man wirklich ist und für was man sich einsetzt.
• Wie hoch ist der „Huhn-Inhalt“ deines Lebens und wie viel „Adler-Inhalt“ lebst du? Was bringt es dir?

Dialogvorschläge:

Zusammenhang:
• Was kann man über die Zeit (5 Jahre) in dieser Geschichte sagen?
• Welche Bedeutung haben die Elemente Luft und Erde in der Geschichte?
• Was bedeutet es, dass der Adler erst dann fliegt, wenn er – oben am Berg – keine Hühner mehr sieht?

Symbole:
• Welche Menschtypen verkörpern “der Bauer” und „der Naturforscher“?
• Welche Bedeutung hat das „Futter“ der Hühner in der Geschichte?
• Welche Unterschiede gibt es zwischen Huhn und Adler und welche Übereinstimmungen? Was bedeutet das?

Thema und Rollen:
• Was kann man über die Hühner sagen und wie unterscheiden sie sich vom Adler?
• Was meint der Naturforscher mit der Aussage: „Er hat noch immer das Herz eines Adlers?“

Umgebung, Beziehungen zu aktuellen Situationen:
• In der Politik, doch auch in Betrieben und Organisationen, richten sich Menschen vor allem nach dem, was die Umgebung von ihnen verlangt. Das hat oft seinen guten Grund und Effekt, doch in welchen Situationen erkennt man rechtzeitig, dass ein Schaden entsteht?
• Sind wir in der Lage, gut zu reagieren, wenn jemand anderes uns einen Spiegel vorhält? Was kann uns das zeigen?
• Wie gelingt es uns, innerhalb der Familie, Arbeit usw. gut bei uns selbst zu bleiben und für das, was wir sind, einzustehen?
• Was geschieht mit Menschen, wenn sie sich zu viel anpassen an (einen) andere(n)?

Der persönliche Bereich, du selbst:
• Inwieweit hast du selbst Einblick auf das, was du in deiner Essenz bist und auf das, was du damit der Welt geben kannst?
• Bist du in der Lage, deine eigenen Qualitäten zu zeigen und diese auch in deiner Arbeit einzusetzen? Wenn nicht, was würdest du brauchen, um dich selbst mehr zu zeigen?
• Inwieweit hast du selbst Einblick in die Qualitäten und die Einzigartigkeit von anderen und wie benutzt du das in deiner Kommunikation?
• Aus welchem Grund verstellst du dich manchmal und was bringt dir das?
• Wie gehst du mit all dem verschiedenen „Gefieder“ innerhalb deiner Herkunftsfamilie oder innerhalb der Organisation und des Teams, die/das du anleitest, um?

Vorschläge für Praxis-Übungen:
Die Übungen können genutzt werden, um die Art und Weise, wie du mit diesen Fragen rund um Authentizität umgehst, zu erneuern. Wann spielst du die Rolle des Hühnerzüchters und wann die Rolle des Naturforschers?

Übung 1 (Bereich von Symbolen, Rollen, Geschichte und Kontext):
Teile dein Leben in Perioden von 7 Jahren ein. Beschreibe kurz die Essenz, den am meisten kennzeichnenden Aspekt des jeweiligen Zeitraums. Womit hast du dich vor allem beschäftigt? Was war damals das Wichtigste für dich? Was nahmst du aus dieser Periode mit?
Fertige eine symbolische Zeichnung von dieser Periode an. Beschreibe mit ein paar Worten, welche Rolle du in dieser Periode deines Lebens gespielt hast: Zum Beispiel den Clown (jeder konnte herzlich über dich lachen), den Mentor (du hast vielen Menschen einen weisen Rat gegeben), den Rebell (du hast viel gegen soziale Ungerechtigkeit protestiert) usw.
Wenn du alle Rollen herausgefunden hast, dann mache eine Zeichnung von einem Autobus und gib jeder Rolle den Platz, den sie deiner Meinung nach in deinem jetzigen Leben einnimmt (auf dem Dach, im Gepäckraum oder am Abschlepphaken ist das ebenfalls möglich!).
Beantworte die Fragen: Was bringt dir diese oder jene Rolle? Wobei unterstützt dich diese oder jene Rolle? In welcher Situation sind sie nützlich? Wie kannst du jeder Rolle den richtigen Platzt geben, sodass du in einer Lebenssituation, mit der du jetzt noch unzufrieden bist, zukünftig effektiv und glücklich sein kannst? Welche Rolle sitzt am Steuer?

Übung 2 (Bereich der Umgebung, Beziehungen zu aktuellen Situationen):
Beobachte mal, was passiert, wenn du den ganzen Arbeitstag nur das machst, was die anderen von dir erwarten (per E-Mail, Telefon und im persönlichen Kontakt). Lasse das, was deiner Meinung nach von dir erwartet wird, deinen Wegweiser sein und lege die von dir erwartete Arbeitshaltung an den Tag. Schreibe abends in Stichworten auf, was die Plus- und Minuspunkte sind, die du bei dieser Arbeitsweise erfahren hast und achte auch darauf, wieviel Energie du am Ende des Tages noch hast.
Am nächsten Tag gehst du es genau auf die entgegengesetzte Weise an. Du setzt selbst die Prioritäten des Tages und richtest dich darauf aus, auf Basis deiner eigenen Fähigkeiten alle Aufgaben zu erfüllen. Schreibe abends erneut in Stichworten auf, welche Vor- und Nachteile du während dieser Arbeitsweise erfahren hast und achte auch darauf, wieviel Energie du am Ende des Tages noch hast.
Wiederhole diese Übung, wobei die Anleitung deines Personals im Mittelpunkt steht: an einem Tag leitest du deine Mitarbeiter an aus der Sichtweise von Hühnern (du bestimmst, welche Aufgaben der andere ausführt und auf welche Weise). Die persönlichen Qualitäten der anderen sind dabei nicht ausschlaggebend. Am folgenden Tag leitest du dein Team aus der Sichtweise des Adlers, wobei du bewusst Bezug nimmst auf die persönlichen Fähigkeiten deiner verschiedenen Mitarbeiter und als Coach Anleitung gibst.

Übung 3 (persönlicher Bereich, du selbst):
Innerhalb eines Familiensystems hat jeder seinen eigenen Platz und eine bestimmte Rolle (älteste, jüngste, Mutter, Vater usw.). Schreibe die Namen deiner Eltern, Schwestern und Brüder (inklusive deines eigenen Namens) nach der Reihenfolge des Alters nebeneinander aufs Papier. Schreibe in Stichworten pro Person eine Anzahl Fähigkeiten/Rollen darunter, die diese Personen jeweils innerhalb deiner Familie haben und benutzten (Regler, Mutter, Freibeuter, Abwesender usw.).
Dann machst du eine weitere Namensliste, wobei nicht das Alter der Person, sondern die Rollen und Fähigkeiten von dieser Person ausschlaggebend sind für den Platz, den du ihr gibst (vielleicht spielt der Älteste zum Beispiel die Rolle des Jüngsten). Geht es hierbei um die Rolle dieser Person oder nimmt sie diesen Platz  aufgrund persönlicher Eigenschaften und Fähigkeiten ein? Kurzum, spielt sie die Rolle eines Huhns oder eines Adlers?

Übung 4 (Verankerung):
Hänge einen Spiegel in deinem Haus auf mit einem Schild darunter, worauf steht: „Authentischste Person“. Oder hänge in deinem Betrieb ein Schild auf mit der Aufschrift: „Mitarbeiter des Tages“.

 

Inspirierend? Teilen...

TOLLE

Bücher & Karten

Weltinnenraum ist ein Online Shop mit Büchern, Geschichtenkarten, Meditationskarten und Geschenken.

Das Geheimnis der Zufriedenheit

Durch: Aus der ganzen Welt 27 April 2017

Weiter lesen...